Mehlig oder festkochend?
Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Fragen, an denen Freundschaften zerbrechen. Zum Beispiel diese: Gehört in den Kartoffelsalat Mayonnaise? Oder Brühe? Und welche Kartoffel nimmt man dafür? Festkochend natürlich. Oder doch vorwiegend festkochend? Wer mehlige nimmt, bekommt Brei. Und für Brei nimmt man wieder ganz andere. Das weiß jede:r.
Die Kartoffel ist bei uns noch gar nicht so lange zu Hause. Im 16. und 17. Jahrhundert kam sie nach Deutschland. Zuerst hielt man sie für Viehfutter. Oder sogar für giftig. Heute gelten Reiberdatschi und Kartoffelknödel als bayrische Tradition schlechthin.
Vor ein paar Tagen habe ich einen Satz gehört, der mir nicht aus dem Kopf geht: Tradition ist eine Veränderung, die sich durchgesetzt hat.
Der Glaube an Jesus Christus kam rund 1000 Jahre früher hierher. Auch das war erst mal sehr fremd, viel zu modern und kaum zu fassen. Die Lieder von Paul Gerhardt waren mal unerhört neu. Die Reformation sowieso. Was heute „schon immer so war“, war irgendwann ein Versuch. Jemand hat etwas ausprobiert. Und andere haben gemerkt: Das passt ja. Das macht - satt.
In den Anden, wo die Kartoffel herkommt, gibt es Tausende von Sorten. Rote, gelbe, violette. Runde und solche, die aussehen wie kleine Finger. Manche wachsen nur in einem einzigen Tal. In Psalm 104 staunt jemand über die Fülle von Gottes Werken. Daran denke ich ab und zu, wenn ich Kartoffeln esse. Gott liebt offenbar die Vielfalt. Nicht eine Kartoffel für alles. Für jedes Gericht die passende. Oder umgekehrt: zu jeder Kartoffel das passende Rezept.
Im Glauben ist es ähnlich. Manche brauchen Stille, andere Gesang. Manche finden Gott im Gottesdienst, andere beim Umgraben im Garten. Festkochend oder mehlig, beides hat seinen Platz. Und alles dazwischen. Hauptsache, es schmeckt. Und macht satt. Bis in die Seele.
Unser Vorschlag für den Oktober: Kaufen Sie mal eine Kartoffelsorte, die Sie noch nicht kennen. „Bamberger Hörnchen“ zum Beispiel. Oder „Blauer Schwede“. Und probieren Sie auch im Glauben etwas Neues aus. Ein Gebet, einen Gottesdienst, zu dem Sie sonst nicht gehen. Wer weiß. Vielleicht wird ja eine Tradition daraus.
Herzliche Grüße von Pfarrerin Dagmar Knecht, Pfarrer Johannes de Fallois, Diakon Micha Gey und Pfarrerin Nicole Schally |